Achillessehnen

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Achillessehnen 2017-07-13T08:04:42+00:00

Ich habe seit meiner Jugend immer wieder mit Problemen an der oder den Achillessehnen zu kämpfen gehabt, obwohl ich bis zu meinem 36. Lebensjahr keinerlei Sport betrieben habe.

Mit dem Beginn meiner Läuferkarriere 1990 ist das nicht besser geworden. Als ich aber begann, wirklich hart zu trainieren, wurde es unschön.

Nach einem 10.000-Lauf auf der Bahn mit einer Zeit von ganzganz knapp über 38 Minuten mußte ich meine rechte Achillessehne mit Eisspray überreden, damit ich zum Auto humpeln konnte.

Da beschloß ich, mit dem leistungsorientierten Training aufzuhören. Laufen war und ist mir viel zu wichtig, egal in welchem Tempo.

In den nächsten zwei Jahren war ich dann weitgehend beschwerdefrei, aber dann holten mich die Schmerzen wieder ein. Obwohl ich vernünftig trainierte!

Allerdings lief ich täglich, was möglicherweise zuviel war, jedenfalls für mich.

Verschlimmerung

Im Sommer 2004 war es dann soweit: es tat immer weh, und zwar heftig: beim gehen, beim stehen, beim liegen, sogar beim laufen – das hatte ich vorher noch nie.

Und die Schmerzen steigerten sich, bis es schließlich nicht mehr auszuhalten war: laufen machte keine Freude mehr.

Ich besuchte die Uni Heidelberg, wo man sich auf Achillessehnenprobleme spezialisiert hat. Hier wurden meine Probleme endlich einmal ernst genommen!

In Zirndorf fragte ein Orthopäde mich nach anhören meines Beschwerdeberichts, wie lange ich diese Probleme schon hätte. Ich nannte ihm die auch damals schon zweistellige Jahreszahl, woraufhin er mir allen Ernstes sagte: „Dann kennen Sie sich damit ja besser aus als ich!“.

Es wurde ein ganzer Maßnahmenkatalog beschlossen:

  • Einlagen, auch wegen eines geringfügigen Becken­­schief­stands
  • Krankengymnastik
  • Salben
  • Einnahme von Mobec zum Zwecke der Ent­zün­dungs­hemmung und der Schmerz­milderung

Ich will es kurz machen: vor allem die Massagen bewirkten eine erhebliche Verbesserung, ich konnte am Schluß der fast zweimonatigen Behandlung (2 x die Woche) beschwerdefrei laufen und gehen.

Nach Beendigung der Maßnahmen dauerte es gerade mal zwei Wochen und alles war wieder wie zuvor: Schmerzen ohne Ende.

Erneut 6 Wochen Krankengymnastik, diesmal zusätzlich Akupunktur und eine völlige Laufpause. Nach Wiederaufnahme des Lauftrainings erreichte ich innerhalb weniger Wochen wieder den alten Stand. Es mußte etwas anders werden!

Neuer Ansatz

In einem Punkt war ich mit den Heidelbergern nicht ganz glücklich: man meinte dort, daß das Schuhwerk hart sein müsse.

Nun hört man in Fachkreisen ja sehr oft, daß bei Knieproblemen weiche Schuhe, bei Achillessehnenproblemen aber harte Schuhe angesagt seien, aber dies widerspricht meinen Erfahrungen: die Schmerzen wurden stets größer, wenn ich harte Schuhe trug!

Durch Zufall fand ich einen Orthopäden in Nürnberg, der selber Triathlet ist. Nach ausführlicher Untersuchung riet er mir, es ein letztes Mal mit einer konservativen Methode zu versuchen, wenn dies nichts bringe, sollte ich mich einer Operation unterziehen.

Außerdem empfahl er weiche Schuhe. Sieh an!

Konservativ: ein letzter Versuch!

Nun nehme ich äußerst ungern Medikamente, wenn man mal von Aspirin absieht, und einen Chirurgen wollte ich eigentlich nie an mich dran lassen. Aber ich habe ja einen letzten Versuch:

  • 6 Monate Laufpause
  • 5 Spritzen Zeel neben die entzündeten Achillessehnen und Schleimbeutel

Nur ein Läufer kann ermessen, was eine sechsmonatige Laufpause für jemanden bedeutet, der normalerweise jeden Tag eine Stunde läuft…

Schon nach der ersten Spritze trat eine wesentliche Besserung auf, aber genau dies hatte der Orthopäde angekündigt und hartnäckig behauptet, wenn ich das zum Anlaß nehmen würde, gleich wieder mit dem Laufen anzufangen, dann wäre ich ganz schnell wieder da, wo ich angefangen habe.

Also blieb ich vernünftig, ließ mir jede Woche eine Spritze geben und lief nicht.

Bergab

Alles lief gut bis zum 23.12.2004. An diesem Tag bekam ich die letzte Spritze, und zwar in Kopenhagen, weil ich in der Woche halt in Kopenhagen meine Brötchen verdiente.

Der Arzt war nicht mehr ganz jung aber auch nicht wirklich alt, also erfahren aber nicht senil. Ich lag, wie immer, auf dem Bauch und merkte nichts außer dem Einstich.

Erst beim ankleiden fiel mir auf, daß an der linken Achillessehne der Einstich nicht neben, sondern genau auf der Achillessehne zu sehen war. Außerdem war die Stelle recht hoch, viel höher als am rechten Bein, und viel höher als die Einstichstellen der früheren Spritzen.

Nun gilt das Spritzen in die Achillessehne ja mit Recht als Kunstfehler, deswegen war ich schon beunruhigt. Da ich aber kein dänisch spreche und der Arzt nur schlecht englisch, kam es zu keiner wirklichen Kommunikation.

Nachts wachte ich um 4 Uhr auf: erhebliche Schmerzen in beiden Beinen, von der Fußsohle bis zum Knie hinauf. Ich knipste das Licht an und erschrak: beide Beine waren angeschwollen.

Der Schmerz steigerte sich immer weiter, war kaum auszuhalten, bis ich auf die Idee kam, die Beine zu kühlen – das half.

Gegen morgen ließen die Schmerzen dann etwas nach, ich fiel in einen unruhigen Schlaf. Gegen mittag wachte ich auf, völlig zerschlagen.

Die Schwellung am rechten Bein war deutlich zurückgegangen, die Schmerzen auch. Links war ebenfalls eine Besserung eingetreten, aber weniger deutlich.

Am nächsten Tag waren die Schmerzen verschwunden, zwei Tage später dann auch die letzten Reste der Schwellung.

Was mochte mir dieser Kerl bloß gespritzt haben? Naja, dachte ich, egal, es ist ja ausgestanden. Von wegen, das war erst der Anfang…

Schneller bergab

Nochmals zwei Tage späte versuchte ich einen Aufzug zu erwischen, der schon fast weg war: zwei schnelle Schritte, die Hand in die Tür – Aua!!!

Wenn man schnell schnell werden will, verlagert man automatisch sein Gewicht auf den Vorfuß, um sich besser abdrücken zu können.

Dabei passierte irgend etwas mit meinem Wadenmuskel: ein stechender Schmerz! Danach hatte ich das Gefühl, ein Brikett im Wadenmuskel zu haben. Schon bei leichter Belastung nahm der Schmerz sofort zu.

Heute weiß ich, daß ich einen Teileinriß der Achillessehne in dem Bereich hatte, wo die Achillessehne in den Wadenmuskel übergeht. Welch ein Zufall: genau die Einstichstelle der Problemspritze!

In den folgenden zwei Wochen wurde es besser, aber nur gaaanz langsam. Dann trat ich in einem mir unbekanntem Hotelzimmer im Dunklen auf eine Erhöhung, und zwar mit dem Vorfuß.

Das führt zwangläufig zu einer Dehnung des Wadenmuskels und der Achillessehne. Der gleiche Schmerz, die gleichen Beschwerden, der gleiche Leidensweg wie zuvor, nur alles etwas stärker.

Dies wiederholte sich einige Wochen später nochmals, diesmal wich ich unwillkürlich einem scharf geschossenen Fußball aus, den ein Lümmel in einer Unterführung mit Wucht in die Gegend gedroschen hatte – mein Kopf wäre im Weg gewesen.

Jedesmal waren die Schmerzen ein wenig stärker, jedesmal dauerte die Wiederherstellung länger.

Beschwerdefrei

Eine gute Nachricht gab es aber auch: weder die Achillessehnen noch die Schleimbeutel taten noch weh. Obwohl erst 5 der verordneten 6 Monate Laufpause um waren, beschloß ich, wieder mit dem Laufen zu beginnen.

Natürlich konnte ich nur langsam laufen: mir fehlte nach 5 Monaten nicht nur die Fitneß, ich konnte ja wegen der Wadenmuskelprobleme auch keinen Druck über den Vorfuß ausüben, aber ich war zufrieden damit, wenigstens wieder traben zu können.

Für 30 Minuten reichte es, drei Wochen später war ich bei 50 Minuten.

Und dann lief in Kopenhagen eine Frau in mich rein…

Sie muß mich im Dunklen übersehen haben, ich weiß nicht wieso. Platz war reichlich vorhanden. Ich versuchte im letzten Moment auszuweichen, dabei verlagerte ich mein Gewicht vollständig auf den linken Vorderfuß…

Diesmal hatte der Schmerz allerdings eine neue Kategorie: ich konnte das Bein nicht mehr belasten!

Mit einem Taxi ging es ab ins Hospital, wo eine erste Untersuchung mit Ultraschall einen 50%igen Riß des Muskels am Ansatz der Achillessehne ergab. Diese Diagnose bestätigte später ein CT.

Es dauerte Wochen, bis ich wieder normal gehen konnte. Aber eines Tages war es wieder soweit, daß ich mein ganzes Gewicht auf den linken Vorderfuß verlegen und wippen konnte – kein Schmerz mehr, allerdings ein ganz komisches Gefühl.

Am Boden

Und dann stand ich in Kopenhagen (welch ein Zufall, so oft war ich doch gar nicht in Kopenhagen …) mit dem Fahrrad an einer roten Ampel und wartete auf grün.

Es wurde grün, ich hob den Hintern aus dem Sattel, verlagerte mein ganzes Gewicht auf den linken Vorderfuß, als ich einen Schubs von hinten bekam, nichts dramatisches eigentlich, aber es reichte, um mit dem Fuß vom Pedal zu rutschen.

73 Kilo (zuwenig Sport, ergo 3 Kilo zuviel Fett) machten sich auf den Weg abwärts. Das Gehirn gab noch die Anweisung „Nicht auf den Vorfuß, das gibt Ärger, auf die Hacke knallen!“, aber der Mandelkern entschied: „So ein Quatsch, wir machen das wie immer, das funktioniert auch diesmal!“

Es hat nicht funktioniert

Das CT im Hospital ergab einen 99%igen Riß des Wadenmuskels, wieder an der gleichen Stelle. Wäre er ganz gerissen, hätte es wenigstens nicht so weh getan.

Am nächsten Tag war das Bein gewaltig angeschwollen, die Schmerzen beachtlich. Unten an der Fußsohle sah man durch die Haut das ganze Blut, es sah entsetzlich aus.

Frankenstein hätte es als Ersatzbein wohl abgelehnt.

Der Orthopäde schickte mich gleich weiter zu einem Doppelarzt, Orthopäde und Chirurg, zum operieren.

Nö, sagt der, das operieren wir mal besser nicht: weil das nämlich zu 50% ein Muskelriß ist, und Muskeln kann man nicht zusammennähen. Muß man auch gar nicht, das heilt auch von selber, vor allem weil Achillessehne und Wadenmuskel noch durch ein dünnes Fädchen miteinander verbunden sind.

In Deutschland, fügte der gute Mann hinzu, werde sowieso zu schnell zu viel geschnitten.

Und das sagt ein Chirurg, sieh mal einer an!

Zu Hause habe ich im Internet recherchiert: in den USA werden Achillessehnenrisse fast durchgängig nicht operiert, in Europa schon. Heilen tun sie hier wie dort, in den USA schneller.

Rekonvaleszent

Als ich den Monsterschuh, der das Bein unbeweglich machen sollte, das erstemal anzog und das Haus verlies, kam mir ein vielleicht 14jähriger Lümmel entgegen, guckt auf den Schuh, guckt auf mich und sagt dann: „Ach Du Sch…e, wir Prototyp!“. Nun ja, eigentlich ganz witzig.

Prototype

Über drei Monate quälte ich mich mit dem Monsterschuh ab, länger als erwartet.

Der Grund für die Verzögerung war vermutlich meine Unfähigkeit, den Schuh auch Nachts anzubehalten – ich konnte so nicht schlafen, egal was der Arzt erzählte!

Dann gab es endlich einen schlankeren Schuh, der aber immer noch bis zum Knie reichte. Nach weiteren sechs Wochen dann Umstieg auf Bergstiefel.

Und zeitgleich -selbstverständlich heimlich!- die ersten 10-minütigen Laufversuche. Die ersten 5 Monate nach dem endgültigen Riß waren in der Tat schwierig.

Ein weiteres dreiviertel Jahr später lief ich an zwei aufeinanderfolgenden Tagen jeweils eine Stunde, dann ein Tag Ruhepause.

Das Tempo war mäßig, ich mußte jeden Tag, auch an den Ruhetagen, die Sehnenansätze kühlen, aber ich lief wieder!

Heute kühle ich nur noch an den Lauftagen (wie kühlt man richtig), Ich habe keine aktuellen Beschwerden mehr. Rennen werde ich wohl keine mehr laufen können, aber damit kann ich gut leben.

Update 2009

Ich bin beschwerdefrei und laufe 4-5 mal wie Woche, ab und an auch mal ein wenig schneller. Fitneß ist gut, Gewicht okay, was will ich mehr!