Schach in England

//Schach in England
Schach in England 2015-12-28T13:12:17+00:00

Wenn man Wettkampfschach in England spielt, muß man sich als Deutscher umgewöhnen: hier sind viele Dinge anders. Die wichtigsten Unterschiede:

Mannschaftskämpfe

In Deutschland finden Mannschaftskämpfe am Wochenende statt, in England Wochentags. In Hertfordshire, wo ich lebe, in aller Regel Montags.

Eine Mannschaft besteht aus 5 Spielern.

Das hat Auswirkungen auf die Regeln. Schließlich kann man nicht um 7:45 beginnen und 2,5 Stunden für 50 Züge spielen, am nächsten Tag wartet die Arbeit.

Die Meisterschaften werden doppelrundig gespielt.

Zeit

Es gibt zwei Varianten: die „kurze“ Partie mit xx Minuten für die gesamte Partie sowie die lange Variante mit 75 Minuten für die ersten 35 Züge und jeweils weiteren 15 Minuten für weitere 7 Züge.

Wenn beide Spieler sich auf die kurze Variante einigen, wird kurz gespielt. Wenn aber ein Spieler auf lang besteht, dann wird lang gespielt.

Es wird für eine Zeit verabredet, zu der die Partie abgebrochen wird. Eine einmal abgebrochene Partie kann, wenn beide Parteien, einverstanden sind, sofort geschätzt werden, aber auch später.

Wenn ein Spieler darauf besteht, die Partie zu Ende zu spielen, dann wird gespielt, aber das Heimrecht wechselt.

Farben

Die Farben werden per Zufall ausgewählt. Es kann also passieren, daß man zweimal gegen den gleichen Gegner am gleichen Brett mit der gleichen Farbe spielt.

Fairneß

Höflichkeit und Fairneß haben in England einen höheren Stellenwert als in Deutschland. Das führt manchmal zu Verhaltensweisen, die für Deutsche schwer nachvollziehbar sind.

Ich habe es z.B erlebt, wie ein Spieler, der lange Zeit im Vorteil war, in ein Endspiel gezwungen wurde, dass immer noch besser aber ziemlich sicher Remis war. Allerdings hatte dieser Spieler erheblich mehr Zeit verbraucht als sein Gegner.

Es war eine „kurze“ Partie, d.h. die Bedenkzeit galt für die gesamte Partie.

Als dieser besser stehende Spieler noch eine Minute Zeit hatte (der Gegner hatte noch mehr als 10 Minuten), verschaffte er sich kurz einen Überblick, wie es an den anderen Brettern aussah.

Er erkannte, daß ein Remis ein unentschiedenes Match sicherstellen würde mit verbleibenden Siegchancen. Mittlerweile waren von seiner letzten Minute vielleicht noch 30 Sekunden verblieben. Nun bot er seinem Gegner ein Remis an.

In Deutschland hätten sicher 99% der Gegner abgelehnt – und wenig später einen vollen Punkt eingefahren.

In England habe ich solche Szenen bisher dreimal erlebt, in allen Fällen wurde das Remisangebot sofort akzeptiert.

Was wäre passiert, hätte der Gegner das Angebot ausgeschlagen? Man hätte die Partie verloren, mit stoischer Ruhe aber innerlich hochgezogener Augenbraue.

ELO und ECF Grades

Man weiß in England, was eine ELO-Zahl ist, aber man verwendet sie nicht. Man weiß ja auch, was Kilometer und Kilogramm sind und verwendet dennoch Meilen und Stones.

Wie immer, wenn es um messen, wiegen oder zählen geht, sind die Engländer halt ein wenig anders.

In England gibt es ECF Grades. Je höher der Grade, desto besser der Spieler. Es gibt auch eine Umrechnungsformel.

  • 40 entspricht etwa dem Anfänger, der nur die Regeln kann.
  • 100 gilt als Minimum, um sich mit einigem Recht als Vereinsspieler bezeichnen zu können.
  • 150 ist schon ein guter Vereinsspieler.
  • 200 bedeutet, daß man über die Grenzen seiner Stadt bekannt ist.

Grades jenseits der 200 haben keine praktische Bedeutung: wer so stark spielt, nimmt an internationalen Turnieren teil.